Feministische Perspektieven von Joan Semmel und Jenny Saville

Marta Gnyp for Die Welt am Sonntag, 10 January 2021

„Frauen sollten sich nicht mit Sex beschäftigen. Von Ihnen wurde Romantik und „Liebe“ erwartet; sie sollten aber keinen Sinn für die körperliche Begierde haben“- erklärte mir die 87-jährige Joan Semmel als wir über die Motivation für ihr beeindruckendes Werk sprachen.
Semmel begann ihre Karriere als Abstrakte Expressionistin, bis sie in den 70ern den Feminismus für sich entdeckte und in die figurative Malerei wechselte. Für die Malerin aus Herz und Blut gab es keine andere Entscheidung, auch wenn die Malerei zu dieser Zeit als Medium eines unterdrückendes Männergebiets von der feministischen Bewegung abgelehnt wurde. Zum Hauptcharakter ihrer Bilder wurde sie selbst, oft mit einem Partner dargestellt. Durch Semmels großartige malerische Fähigkeiten, ihre Sensibilität für Farbe und ihre krasse Ehrlichkeit ihrem Körper und dem Alterungsprozess ihres Körpers gegenüber, entstand ein einzigartiges Lebenswerk. Es gelang ihr, ein erotisches Bild zu konstruieren, ohne dabei eine Assoziation zu Scham oder Pornographie zu wecken – eine Neuheit in den 70ern. Erst in jüngerer Zeit wurde Semmel von der offiziellen Kunstwelt wiederentdeckt und gilt heute als eine durch ihre konzeptionelle Strenge und malerische Tapferkeit hervorragende Malerin, die den Kurs zeitgenössischer Kunst mitbestimmt hat. Zu Recht. Semmel ist zum Vorbild für jüngere Künstlerinnen geworden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die lange Vergangenheit des idealisierten weiblichen Körpers als Lustobjekt zu durchbrechen.

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Joan Semmel, Intimacy-Autonomy, oil on canvas, 1974

Eine von diesen ist die britische Jenny Saville, die andere die ich gerne ausstellen würde, eine ebenso brillante Künstlerin, die sich in ihrer Malerei, in teilweise extremer Übertreibung, mit dem weiblichen Körper auseinandersetzt. Obwohl sie ihre Karriere 20 Jahre nach Semmel begann, stieß auch Saville mit ihrer Vorliebe für die Malerei anfangs auf Kritik in den feministischen Kreisen und ebenfalls sie ließ sich davon nicht beirren. Saville beschäftigt sich in ihrem Werk überwiegend mit der malerischen Qualität des Fleisches und erschafft unvergessliche, große Gemälde von Frauen, in denen Themen der Selbstbestimmung, der plastischen Chirurgie und des Körperideals zu finden sind. Während Semmels Karriere vor dem Hintergrund der Transformation der New Yorker Kunstszene stattfand, so machte Saville Karriere im Kontext der Young British Artists und der Umwandlung Londons in eines der bedeutendsten Zentren zeitgenössischer Kunst.
Was ich an beiden liebe, ist zum einen ihre Beharrlichkeit, mit dem sie die Malerei, trotz aller Widrigkeiten verfolgen. Diese Praxis führte zu außerordentlich bedeutungsvollen Werken, die nicht nur den Nachkriegskanon veränderten, sondern auch dazu beigetragen haben, die Haltung von Frauen gegenüber ihrem eigenen Körper zu verändern.
Für jüngere Künstlerinnen wie Jenna Gribbon, die die GNYP Galerie gezeigt hat, waren Joan Semmel und Jenny Saville auf jeden Fall unverzichtbar.

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Jenny Saville, Vis and Ramin I, oil on canvas, 2018