Wiedervereinigung – Holländische Kreative zusammengebracht in Berlin

von Marta Gnyp für Basic Instincts, Premsela, Nederlands Instituut voor Design en Mode, 2011 in Villa Elisabeth, Berlin.

„We share air“ – „Wir teilen dieselbe Luft“. Diese nüchtern-sachliche Feststellung des niederländisch-iranischen Künstlers Navid Nuur (geboren 1976) bringt das Thema des Premsela-Projekts Basic Instincts genau auf den Punkt. Luft verbindet uns alle, erzwingt ein Erkennen des von uns eingenommenen Raums und unseres Einflusses auf den Raum, den andere einnehmen.

Basic Instincts / Exhibition Newspaper

Basic Instincts / Exhibition Newspaper

Die Fragilität unseres begrenzten Territoriums ist seit langem Mittelpunkt des philosophischen Denkens in den Niederlanden und hat zahlreiche Politiker, Architekten, Denker und Künstler inspiriert. Von Spinoza über De Stijl bis zu den Provos: Seit Jahrhunderten beschäftigt man sich hierzulande mit der Frage, wie weit die Grenzen unserer Freiheit hinausgeschoben und wie diese kreativ erweitert werden können. Wie können wir unsere Urtriebe, unsere elementaren Instinkte ausleben, ohne die Kontrolle über sie zu verlieren? Wie teilen wir uns einen gemeinsamen Raum und bewahren gleichzeitig unsere Unabhängigkeit?

Die fünf zur Teilnahme an diesem Projekt eingeladenen Gegenwartskünstler Amie Dicke, David Jablonowski, Natasja Kensmil, Alexandra Leykauf und Navid Nuur lassen verschiedene formale bzw. konzeptuelle Ansätze erkennen. Während sie an ihrer künstlerischen Autonomie festhalten, „teilen sie die Luft“ mit anderen Ausstellungsteilnehmern, wie (Mode-)Designern, Architekten und Fotografen.

An die Besucher der Ausstellung Basic Instincts werden unaufdringliche Buttons mit der Aufschrift „We share air“ verteilt. Die Buttons lassen deren Träger zu einer einzigen organischen Struktur zusammenwachsen und kreieren so ein Werk, das sich ständig im Schaffensprozess befindet und demnach niemals fertig wird. Ein multidisziplinäres Kreativprojekt, das alle Ausstellungsbereiche durchdringt.

Das Werk von Natasja Kensmil (geb. 1973) symbolisiert eine Brücke zur Vergangenheit. Ihre großformatigen, dunklen Gemälde verweisen auf die historischen Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert und deren Symbolsprache. Kensmils Interesse für historische Themen ist vornehmlich aus einer Faszination für die universellen und zeitlosen Macht- und Gewalt-mechanismen heraus geboren, die sie sowohl als Instrumente der Kreation als auch der Destruktion sieht. Durch den spielerischen Umgang mit historischen Figuren absorbiert sie die Vergangenheit, transformiert sie zur Gegenwart und bettet sie in das Universum der menschlichen Existenz ein.

Vergangenheit und Gegenwart sind auch wichtige Elemente eines anderen Künstlers und Teilnehmers am Premsela-Projekt. Der Deutsche David Jablonowski (geb. 1982) lebte und arbeitete in Amsterdam und interessiert sich insbesondere für das Phänomen der Reproduktion. Seit jeher hat sich der Mensch mit der Reproduktion beschäftigt, aber heute ist sie ein allgegenwärtiger Prozess, den wir kaum noch wahrnehmen, sondern automatisch und gedankenlos anzunehmen scheinen. Für Jablonowski ist dieser Prozess jedoch komplexer und muss deshalb genauer untersucht werden.

Navid Nuur arbeitet mit Alltagsgegenständen, gewöhnlichem Material, verschiedenen Medien und prozessorientierten Konzepten, indem er sie aus dem normalen Kontext ausklammert und in eine andere Richtung steuert. Er nennt seine Werke auch „Interimodule“, um deren flüchtigen und räumlich flexiblen Zustand zu charakterisieren, der sich der jeweiligen Umgebung anpasst. Nuur versucht, gleichzeitig mehrere Sinnesorgane anzusprechen. So sind Sehvermögen, Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn gleich wichtig, um eine Ganzkörpererfahrung hervorzurufen. Viele seiner Werke liefern nicht nur visuelle Reize, sondern lassen uns auch hautnah spüren, welche Vorstellungen Nuur uns vermitteln will. „We share air“ ist darüber hinaus eine großzügige Geste, ein Geschenk und Andenken für jeden Besucher, der den Button trägt und somit Teil des Kunstwerks wird.

Das Konzept räumlicher und zeitlicher Verbindungen spiegelt sich auch in den Kreationen der deutschen Künstlerin Alexandra Leykauf (geb. 1976) wider. Nach Abschluss ihres Studiums an der Rietveld Academie setzte sie ihre Ausbildung an der Rijksakademie in Amsterdam fort. Für das Premsela-Projekt entwarf Leykauf eine ortspezifische Installation für die Elisabethkirche in Berlin. Im Allgemeinen sind Objekte, Fotos, Zeichnungen und Installationen bei Leykauf einfarbig und evozieren die frühe Moderne in Kunst und Architektur. Leykauf kombiniert eigene Fotos und Filme mit Material aus Büchern und Archiven und bearbeitet danach den so entstandenen Bildentwurf.

Und last but not least die niederländische Künstlerin Amie Dicke (geb. 1978.) Dicke ist bekannt für ihre Ausschnitte aus Modemagazinen und Postern, die sie mit einem X-Acto-Messer bearbeitet. Was übrig bleibt, ist ein mit Ausnahme der Oberlippe und der Haare leeres, durch schwarze Linien definiertes Gesicht. Für Basic Instincts konzipierte Dicke eine Installation aus vergänglichen, transparenten Gegenständen, die einer Landschaft aus zarten, in der Luft schwebenden Geisterkleidern gleichen.


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